Musik-Raubkopien: Der ewige Krieg um die Downloads

Ein kanadischer Marktforscher will der Musikindustrie aus der Krise helfen. Seine Empfehlung: Die Branche sollte Tauschbörsen nicht als temporäres Problem, sondern als Teil eines beständigen Dramas begreifen. [Focus Online, 25.04.2008]

Raubkopierer sind Verbrecher: Mit diesem und vergleichbaren Slogans geht die Entertainment-Industrie seit Jahren gegen die Nutzung von Tauschbörsen vor. Anfangs ging es dabei vor allem darum, die Downloader mit markigen Sprüchen einzuschüchtern. Mittlerweile greift man immer häufiger auf rechtliche Mittel zurück – in den vergangenen vier Jahren haben deutsche Plattenfirmen Zehntausende von Nutzern populärer Tauschbörsen-Technologien wie Kazaa, Bittorrent und Emule verklagt.

Die Erfolge dieser Kampagnen sind bescheiden. 70 Prozent des deutschen Internet-Datenverkehrs werden weiterhin durch Tauschbörsen verursacht. Gleichzeitig kauften deutsche Musikfans im vergangenen Jahr gerade einmal drei Millionen legale Songs pro Monat als Downloads bei iTunes & Co.

Ein Grund für diese durchwachsene Bilanz ist nach der Meinung des Marktforschers Markus Giesler, dass sich die Branche nicht mit den Motiven und kulturellen Werten der Downloader beschäftigt. „Die Plattenfirmen sollten ein paar Rechtsanwälte entlassen und dafür lieber ein paar Ethnographen anheuern“, so die Empfehlung des in Toronto lebenden gebürtigen Deutschen, der seine Erkenntnisse aus sieben Jahren Beobachtung des heftig geführten Streits um die Musik-Downloads in der Studie „Marketplace Drama“ zusammengefasst hat.

Vom Hacker zum DRM-Aktivisten

Giesler verfolgt die Auseinandersetzungen um Tauschbörsen seit dem Boom des heftig umstrittenen Dienstes Napster im Jahr 2000. In zahlreichen Interviews mit Musiktauschern hat er seitdem beobachten können, dass sich die Motive und Überzeugungen der Tauschbörsen-Fans über die Jahre hinweg deutlich gewandelt haben. Demnach verstand sich die erste Generation der Downloader zu den Anfangszeiten von Napster und Gnutella als idealistische Hacker und Pioniere, die mit kollektiver Begeisterung ein musikalisches Neuland eroberten.

Als die Musikindustrie Napster im Jahr 2001 zur Aufgabe zwang, zeigte sich unter Musiktauschern laut Giesler ein neues Verhaltensmuster. Die Kontrollversuche der Plattenfirmen führten zu einer Radikalisierung. „Downloads wurden als legitime Form des Widerstands gegen das Versklaven von Musikern und Konsumenten angesehen“, schreibt er dazu in seiner Studie.

Die Branche reagierte auf die explosiv wachsenden Tauschbörsen mit Klagen gegen ihre Nutzer – und diese entschieden sich fürs Überwintern. Rebellentum erschien anhand teurer Schadensersatzforderungen gegen Tausende nicht mehr sonderlich attraktiv.

Kein Ende in Sicht

Einen neuen Schub zu öffentlichem Aktivismus erfuhr die Szene schließlich laut Giesler durch Apples Online-Shop iTunes und die damit verbundenen Kopierschutz-Probleme. Giesler interviewte dazu Teilnehmer eines Protests vor einer Apple-Niederlassung in Chicago. Einer der Protestanten prohpezeite ihm: „So lange es Musik gibt, wird es immer einen Krieg ums Downloaden geben.“

Markus Giesler teilt diese Einschätzung. In seinen Augen sind die Maßnahmen der Industrie und die Reaktionen der Downloader vergleichbar mit einem literarischen Drama, das vor einer unsichtbaren Öffentlichkeit aufgeführt wird. Konsumenten und P2P-Nutzer reagieren dabei auf die Maßnahmen der Musikindustrie mit Drehbuch-reifen Selbstinszenierungen. „Gerade junge Konsumenten sind gerne Rebellen, die mit ihrem Konsum eine gegen den gesellschaftlichen Mainstream gerichtete Heldenrolle einnehmen“, erklärt er.

Der Musikmarkt lebt weiter

Wie ein literarisches Drama hat auch die Auseinandersetzung um Tauschbörsen laut Giesler vier Akte, doch anders als auf der Theaterbühne fällt am Ende nicht der Vorhang. Statt dessen geht der Konflikt einfach unter neuen Vorzeichen weiter. „Aus den Underdogs können wieder Erneuerer und Befreier werden, mit denen dann ein neues Drama beginnt“, erklärt Giesler.

Der Musikindustrie muss sich demnach auch in Zukunft weiterhin mit Tauschbörsen und ihren Nutzern rumärgern. Der Schlüssel zum Erfolg liegt laut Giesler darin, den Markt als Kompromiss zwischen Konsumenten und Produzenten anzusehen. „Da es keinen perfekten Kompromiss gibt und nie alle zufrieden sind, wird immer weiter gerungen“, so seine Analyse.“ Der pausenlose Streit bedeutet jedoch auch, dass die Branche der Krise zum Trotz nicht so schnell um ihre Existenz bangen muss, glaubt Giesler. Irgendwie gehe das Drama immer weiter. „Ein Ende des Musikmarkts wird es nie geben.“

Der Text mit Links bei Focus.de.

Kommentare

Janko Roettgers schrieb:

test
05/19/08 00:19:15

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Für den Nachttisch:



Netzpiraten - Die Kultur des elektronischen Verbrechens
Herausgegeben von Armin Medosch und Janko Röttgers
Verlag Heinz Heise 2001
192 Seiten, Broschur
15 Eur - ISBN 3-88229-188-5


 

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