Harter Kampf um smarte Handys

BlackBerry, Windows Mobile, iPhone, Android - und nun auch noch WebOS von Palm: Das Gerangel um die Dominanz auf dem Smartphone-Zukunftsmarkt erinnert an die Browser-Kriege der 90er Jahre. Wer jetzt Boden gutmacht, kann mit satten Gewinnen rechnen. In den USA kämpfen die Anbieter daher mit harten Bandagen um Kunden und Entwickler. [Futurezone, 30.01.2009]

Kaum hatte Apple-Chef Steve Jobs krankheitsbedingt das Ruder an seinen neuen Steuermann Tim Cook übergeben, feuerte dieser schon erste Warnschüsse ab. "Wir mögen Konkurrenz, solange sie nicht unser geistiges Eigentum stiehlt", erklärte Apples COO letzte Woche während der Bekanntgabe der Firmen-Quartalsergebnisse. Gegen Rechtsverletzungen werde man mit "allen verfügbaren Waffen" zu Felde ziehen.

Cook wollte auch auf Nachfrage keine Namen nennen, doch in der Branche wurde das als offene Warnung an Palm verstanden. Der PDA-Hersteller überraschte auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas Anfang Jänner mit dem Palm Pre - einem Internet-fähigen Mobiltelefon, dessen Touchscreen sich wie der des iPhone per Multitouch mit mehreren Fingern gleichzeitig bedienen lässt. Das Gerät beeindruckte die anwesenden Pressevertreter derart, dass es schnell als Sensation der CES gefeiert wurde. Das Gadget-Blog Gizmodo befand sogar, das Pre sei "die wichtigste Mobiltelefonvorstellung der letzten zwei Jahre".

Touchpad und Multitasking

Tatsächlich bietet das Palm Pre einiges, was Apples iPhone und vielen anderen Smartphones bis heute fehlt. So besitzt das Gerät eine Art Touchpad, mit dem sich die Menüs auch außerhalb der Bildschirmfläche mit mehreren Fingern bedienen lassen. Palms Linux-basiertes WebOS-Betriebssystem ermöglicht echtes Multitasking mit einer intuitiven Ansicht aller laufenden Applikationen. WebOS soll es Entwicklern zudem ermöglichen, mit simplen HTML- und JavaScript-Kenntnissen eigene Applikationen für das Pre zu schreiben.

Streitpunkt für Apple ist offenbar die Multitouch-Technologie, mit der Nutzer beispielsweise mit zwei Fingern in Stadtplankarten zoomen können. Apple erhielt vor ein paar Tagen ein Patent für die Bedienung von Mobiltelefonen via Multitouch, und die IT-Presse spekuliert seither fleißig über eine mögliche Patentrechtsklage gegen Palm.

Der neue Browser-Krieg

Allein die Drohung mit dem Anwalt zeigt bereits, wie stark umkämpft der Handymarkt mittlerweile ist. Das Geschäft mit den Mobiltelefonen wurde lange Zeit von Firmen wie Nokia, Samsung und LG dominiert, die mit dem Verkauf von Endgeräten ihr Geld verdienten.

Doch Apples iPhone-Erfolgsgeschichte, der iPhone App Store und die Aussicht auf Milliardenéinnahmen aus mobiler Werbung haben den Markt grundsätzlich verändert und damit zu neuen Konflikten geführt. Der Konflikt zwischen Apple und Palm, Googles Android-Offensive, das Umwerben von Drittentwicklern: All das erinnert fatal an andere hart ausgefochtene Schlachten wie etwa den Browser-Krieg der 90er und den Kampf um die Vorherrschaft auf dem Betriebssystem-Markt in den 80ern.

Bald auch Apps für Obamas Lieblingshandy

Bisher ist jedoch noch völlig unklar, wer diesmal als Sieger hervorgehen wird. Apple dominierte zwar mit seinem iPhone in den vergangenen Monaten die Schlagzeilen, doch das schicke iPod-Handy hat sich bisher gerade einmal 16 Prozent des Smartphone-Markts sichern können. Zu Apples Konkurrenten gehört unter anderen der für seine BlackBerry-Handys bekannte Smartphone-Hersteller RIM, der dem iPhone mit seinem neuen Touchscreen-Handy Storm Konkurrenz machen will.

Die Resonanz auf das Storm ist bisher verhalten, doch RIM hat noch ein weiteres Ass im Ärmel: Im März will man eine eigene mobile Software-Plattform nach dem Vorbild des iPhone App Store eröffnen. Entwickler können seit Jänner Applikationen für BlackBerrys Plattform einreichen. RIM hat eigenen Angaben zufolge insgesamt 21 Millionen Kunden. Unerwartete Publicity bekam RIM durch die Wahl des US-Präsidenten Barack Obama, der sein BlackBerry allen Empfehlungen seiner Anwälte zum Trotz auch im Weißen Haus nutzen wird - auch wenn zwischendurch im Gespräch war, dass Obama auf das sicherheitstechnisch gehärtete Spezialtelefon Sectera Edge wechseln würde.

Download-Plattformen stehen bereit

RIMs Interesse an einer eigenen mobilen Software-Plattform kommt nicht von ungefähr. Apple gab Mitte Jänner bekannt, mittlerweile 500 Millionen Programme über seinen iPhone App Store vertrieben zu haben. Die Firma sichert sich dabei 30 Prozent aller Einnahmen vom Verkauf kostenpflichtiger Anwendungen und beteiligt Entwickler mit 70 Prozent. Jobs prophezeite bereits letzten Sommer, mit dem App Store langfristig Milliardenumsätze zu erzielen.

Kein Wunder also, dass sich auch andere ein Stück von diesem Kuchen abschneiden wollen. Google bietet für sein Android-Betriebssystem und das ab nächster Woche in Österreich erhältliche G1-Handy eine Android Marketplace genannte Software-Plattform an. Microsoft arbeitet Berichten zufolge ebenfalls an einem mobilen Download-Markt namens Skymarket, der bereits Mitte nächsten Monats starten könnte. Und auch für Palms Pre wird es einen Software-Download-Store geben.

Sperren für datenintensive Dienste

Ein wesentlicher Unterschied zwischen diesen Plattformen ist die Kontrolle, die ihre Betreiber über das jeweilige Angebot ausüben. Apple hat in der Vergangenheit mehrfach Programme abgelehnt, die mit firmeneigenen Produkten konkurrieren. Google sieht derartige Dinge laxer. So ist es Nutzern des G1 unter anderem möglich, einen anderen Browser auf ihrem Handy zu installieren.

RIM will für seine BlackBerry-Download-Plattform offenbar einen Mittelweg einschlagen. "Wir haben kein Problem damit, wenn jemand einen besseren Kalender als unseren eigenen programmiert", erklärte RIMs Mike Kirkup dazu kürzlich gegenüber ZDNet. BlackBerry-Kunden könnten dennoch ein paar unangenehme Überraschungen erleben: RIM wird für jeden beteiligten Mobilfunkkonzern eine eigene Version der Download-Plattform erstellen. Datenintensive Dienste wie etwa Programme zum Abspielen von Radio- und Videostreams könnten damit für Nutzer eines Netzanbieters gesperrt sein, während andere ungehindert darauf zugreifen können.

Der Text mit Links bei futurezone.orf.at.

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Für den Nachttisch:



Netzpiraten - Die Kultur des elektronischen Verbrechens
Herausgegeben von Armin Medosch und Janko Röttgers
Verlag Heinz Heise 2001
192 Seiten, Broschur
15 Eur - ISBN 3-88229-188-5


 

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