Millionengeschäfte mit Browser-Toolbars

Endnutzer ärgern sich nicht selten über Browser-Toolbars, die auf neuen Computern vorinstalliert sind. Doch für viele Software-Unternehmen sind derartige Beigaben zu überlebenswichtigen Einnahmequellen geworden. In Kalifornien arbeitet man derzeit an der Zukunft der Zusatz-Software. [Futurezone, 28.02.2009]

Wer heutzutage einen neuen Computer mit Windows-Betriebssystem kauft, bekommt in vielen Fällen jede Menge Dreingaben mitgeliefert. Ein Virenscanner testet bis zu 30 Tage kostenlos, ob das eigene System von Schädlingen befallen ist. Die Testversion einer Software-Firewall hilft ebenfalls für ein paar Wochen mit der Sicherheit, und auf dem Desktop findet sich neben Links zu zahlreichen Internet-Anbietern gleich auch noch ein Widget zum Abrufen von Wetterberichten.

Software-Dreingaben wie diese mauserten sich in den letzten Jahren nicht nur für PC-Hersteller zu einem lukrativen Geschäft. Auch Software-Entwickler selbst setzen immer häufiger auf derartige Angebote, um ihre eigenen Programme zu finanzieren. Besonders beliebt sind dabei Browser-Toolbars von Suchmaschinen wie Google, MSN, Yahoo und Ask.com. Suchmaschinenanbieter zahlen den PC-Herstellern zwischen 80 Cent und zwei Euro pro installierte Toolbar. Erfolgreiche Software-Anbieter setzen mit derartigen Dreingaben längst Millionen um.

Eine Rezessionsrückversicherung

Für viele Firmen wurden derartige Browser-Toolbars gerade in den letzten Monaten zu einer Art Rückversicherung für die Wirtschaftskrise. Sparsame Konsumenten geben kaum noch Geld für Software oder andere digitale Medien aus. Auch der Verkauf von Dienstleistungen an Firmenkunden leidet unter dem schlechten ökonomischen Klima. Manch ein Unternehmen nimmt deshalb Geld mit Toolbars ein, während der eigentliche Geschäftsplan auf Eis liegt.

Ein Beispiel dafür ist die kalifornische Firma Bittorrent Inc., bekannt für die gleichnamige P2P-Software. Bittorrent wollte sich eigentlich als Verkäufer von Videos und Großhandelsanbieter von Download-Diensten im Netz etablieren. Im Dezember schloss die Firma jedoch ihren erfolglosen Download-Store, und große Geschäftskunden lassen ebenfalls bis heute auf sich warten.

Der lukrative Toolbar-Deal

Der scheidende Firmenchef Ashwin Navin verriet dafür im November, wie sich Bittorrent in der Zwischenzeit über Wasser hält: Man habe einen "lukrativen Toolbar-Deal" abgeschlossen, so Navin. Bittorrent bietet seinen Nutzern die Möglichkeit, während der Installation seiner kostenlosen Software gleich auch die Ask.com-Toolbar zu installieren.

Die Browser-Erweiterungen machen sich auch für Suchmaschinenanbieter bezahlt. Nach Informationen der US-Marktforschungsfirma Comcast kommen zwölf Prozent aller Google-Suchanfragen und 18 Prozent aller Yahoo-Suchen von derartigen Toolbars. Bei der Suchmaschine Ask.com liegt die Quote sogar bei 42 Prozent.

DivX und Yahoo

Die meisten Software-Firmen halten sich dagegen mit Details zu ihren Toolbar-Deals bedeckt. Eine Ausnahme ist der Codec-Hersteller DivX Networks, der als börsengehandeltes Unternehmen detailliert Rechenschaft zu seinen Einnahmen ablegen muss. Toolbars spielen dabei seit langem eine große Rolle: So brachte Yahoos Toolbar DivX in den ersten neun Monaten des letzten Jahres mehr als 14 Millionen US-Dollar ein.

DivX Networks musste jedoch Ende letzten Jahres lernen, dass die finanzielle Abhängigkeit von derartigen Toolbars auch ihre Schattenseiten hat. Yahoo kündigte den Vertrag mit der Firma im November ohne Vorwarnung auf. DivX musste daraufhin zehn Prozent seiner Belegschaft entlassen.

Zu viel Müll

Konsumenten sind oft nicht eben glücklich über die Toolbar-Schwemme. Zwar versprechen Browser-Erweiterungen und andere kostenlose Zusatzprogramme bisweilen einen echten Mehrwert für ihre Nutzer. Viele Software-Entwickler spekulieren jedoch darauf, dass Endnutzer sich so schnell wie möglich durch die Installation ihrer Programme klicken und dabei die Software-Beigaben aus Versehen gleich mit installieren.

"Viele Firmen machen das nicht nur mit Toolbars, sondern auch mit Wetter-Widgets, Smileys und Bildschirmschonern", berichtet der kalifornische Start-up-Gründer Chester Ng. "Es gibt einfach zu viel Müll auf diesem Gebiet, und das hat bei Konsumenten einen üblen Nachgeschmack hinterlassen."

Ng ist Mitbegründer eines Start-ups namens Opencandy, dass sich eine Runderneuerung der Toolbar-Idee auf die Fahnen geschrieben hat. Opencandy bietet Software-Entwicklern die Möglichkeit, dynamisch Programme von Drittanbietern in die eigene Installationssoftware zu integrieren. Opencandy greift dann während der Installation eines Programms auf firmeneigene Server zu, um dem Endnutzer relevante Zusatzsoftware anzubieten.

Werbung für Open Source

Opencandy befindet sich derzeit noch in einem geschlossenen Betatest, doch laut Ng hat die Firma bereits mehrere Millionen Installationsprogramme vertrieben. Dabei sind diese nicht zwangsläufig kommerzieller Natur. Software-Entwickler können Opencandy beispielsweise auch dazu nutzen, Open-Source-Programme zu promoten.

Langfristig will Opencandy Programmierern mit einer Google-Adsense-ähnlichen Plattform für Software-Downloads dabei helfen, neue Einnahmequellen zu erschließen. Dem Backlash gegen Browser-Toolbars und ähnliche Zusatzdienste will man dabei durch Relevanz und Transparenz entgegenwirken. So wird es bei Opencandy keine vorausgewählten Kästchen und ähnliche Tricks geben, die zu ungewollten Installationen führen können. "Wir machen keine Opt-outs", verspricht Ng.

Mit Hilfe von Nutzungsstatistiken und IP-Nummern-Lokalisierung will man zudem stets Software anbieten, die für den jeweiligen Endnutzer auch sinnvoll sei. Ng dazu: "Ein Nutzer in Japan interessiert sich nicht wirklich für die Ask-Toolbar."

Der Text mit Links bei futurezone.orf.at.

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Für den Nachttisch:



Netzpiraten - Die Kultur des elektronischen Verbrechens
Herausgegeben von Armin Medosch und Janko Röttgers
Verlag Heinz Heise 2001
192 Seiten, Broschur
15 Eur - ISBN 3-88229-188-5


 

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