China: Mit Alpakas gegen Zensur im Netz

Chinesische Internet-Nutzer protestieren mit zweideutigen Beschimpfungen und absurden Videos gegen Zensur im Internet, wusste die Journalismus-Professorin Rebecca MacKinnon auf der Emerging-Technology-Konferenz (ETech) zu berichten. Gleichzeitig porträtiert sich die chinesische Regierung als modern - und überlässt das schmutzige Zensurgeschäft den Providern. [Futurezone, 13.03.2009]

Zum Thema Internet in China fällt Menschen im Westen meist nur ein einziges Stichwort ein: Zensur. Man stellt sich China dabei als ein abgeschottetes Reich vor, in dem die Regierung den Zugriff auf politisch zweideutige Inhalte unterbindet und gleichzeitig jedem Bürger über die virtuelle Schulter schaut.

Ganz falsch ist das nicht, wusste die Journalismus-Professorin und ehemalige CNN-Korrespondentin MacKinnon am Donnerstag auf der ETech in San Jose zu berichten. Doch gleichzeitig gebe es in China eine bunte Internet-Kultur, die sich mit Kreativität gegen die staatlichen Zensurversuche wehre.

Zotteligkeit und Zoten

So werden in China bestimmte Wörter von Suchmaschinen und Blog-Anbietern gefiltert. Wer mit dem chinesischen Google-Pendant Baidu nach dem Platz des himmlischen Friedens und dem Wort Massaker suche, bekomme keinen einzigen Treffer angezeigt. Auch das Nutzen bestimmter als unmoralisch angesehener Wörter sei verpönt und damit in vielen Fällen unmöglich.

Chinesische Netznutzer reagieren darauf, indem sie phonetisch ähnlich klingende Wörter nutzen. So gibt es im Chinesischen zahlreiche Begriffe, die mit einer etwas anderen Stimmführung eine völlig andere Bedeutung bekommen. Ein im chinesischen Internet besonders populäres Beispiel ist laut MacKinnon das Alpaka-Kamel.

Spricht man das chinesische Wort dafür ein wenig anders aus, dann wird daraus die unzweideutige Beschimpfung, man solle doch Inzest mit der eigenen Mutter haben. Zu den populärsten chinesischen Online-Videos gehört derzeit das Musikvideo eines Kinderchor-Songs über die zotteligen Tiere - oder sollten die Kleinen etwa doch über etwas anderes singen?

Der Kampf der Flusskrebse

MacKinnon wusste zu berichten, dass das Alpaka nicht der einzige zweideutige Held der chinesischen Zensurgegner ist. Ebenfalls sehr populär ist der Flusskrebs, da das chinesische Wort dafür fast genauso klingt wie das Wort harmonisch. Chinesische Politiker bezeichneten die lokale Internet-Zensur lange Zeit als Harmonisierung.

Doch als Blogger sich dann offen auf ihren Websites darüber beklagten, ihre letzen Einträge seien wieder einmal "harmonisiert" worden, da wurde das Wort Harmonisierung selbst auf den Index gesetzt - und Blogger veröffentlichten stattdessen einfach Fotos von Flusskrebsen.

Mittlerweile haben sich diese Netzmetaphern derart verselbstständigt, dass es bereits erste Mash-ups gibt. "Es gibt derzeit plötzlich ausufernde ernsthafte intellektuelle Debatten darüber, ob Flusskrebse den Lebensraum der Alpaka-Kamele bedrohen", berichtete MacKinnon. Sie konnte dem ETech-Publikum zudem ein Musikvideo vorführen, in dem die Alpakas zu Hip-Hop-Klängen gegen Flusskrebse kämpften. Die kaum versteckte Botschaft: Internet-Nutzer werden gegen die Zensur gewinnen.

Der Regierungschef im Live-Chat

Gleichzeitig sagte MacKinnon, dass die chinesische Regierung immer selbstbewusster mit dem Netz umgehe. So stellte sich der chinesische Regierungschef Wen Jiabao am Wochenende in einem zwei Stunden langen Live-Chat den Fragen chinesischer Netznutzer. Mittlerweile gebe es sogar auf offiziellen Websites der chinesischen Regierung offene Diskussionen über die Einkindpolitik des Landes.

Während sich die Regierung so im Netz von ihrer besten Seite zeigt, überlässt man die Zensur den Anbietern von Online-Diensten. MacKinnon sagte, dass sie kürzlich versucht habe, bei einem chinesischen Blog-Anbieter einen Artikel über die Mütter der auf dem Platz des himmlischen Friedens getöteten Demonstranten zu veröffentlichen. Als sie auf den Button zum Veröffentlichen klickte, erklärte eine Meldung, ihr Artikel sei in einer Moderationswarteschlange. "Und da wird er dann wohl auch bleiben", so MacKinnon.

Alpakas oder Flusskrebse

Letztlich sei all das jedoch kein rein chinesisches Phänomen. Auf der ganzen Welt gebe es Tendenzen, im Internet persönliche Freiheiten und Werte wie Sicherheit und Moral gegeneinander aufzuwiegen. In China gebe es dazu derzeit eine sehr aktive, aber von außen nicht immer leicht verständliche Diskussion. Nun müssten sich Nutzer im Westen fragen, für wen sie Partei ergreifen wollen: Alpakas oder Flusskrebse?

Der Text mit Links bei futurezone.orf.at.

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Für den Nachttisch:



Netzpiraten - Die Kultur des elektronischen Verbrechens
Herausgegeben von Armin Medosch und Janko Röttgers
Verlag Heinz Heise 2001
192 Seiten, Broschur
15 Eur - ISBN 3-88229-188-5


 

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